Varianten entstehen in vielen Unternehmen nicht als Ausnahme, sondern als Alltag. Unterschiedliche Abmessungen, Anschlussvarianten, Materialien, Zubehör, Kundenoptionen oder Baugrößen führen schnell dazu, dass aus einem Grundprodukt Dutzende oder Hunderte Varianten werden.
Solange jede Variante manuell kopiert und angepasst wird, funktioniert das oft überraschend lange. Die Probleme zeigen sich meist erst später: Änderungen müssen mehrfach eingepflegt werden, Modelle laufen auseinander, Zeichnungen und Stücklisten werden inkonsistent und aus einer eigentlich einfachen Produktfamilie entsteht wachsender Pflegeaufwand.
Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wie konstruiert man noch eine Variante?“ – sondern: „Wie muss die Konstruktion aufgebaut sein, damit Varianten kontrolliert entstehen können?“
1. Konfigurationen: mehrere Varianten in einem Modell
Eine der grundlegenden Möglichkeiten in SolidWorks sind Konfigurationen. Damit lassen sich innerhalb eines Teils oder einer Baugruppe unterschiedliche Varianten verwalten.
Typische Anwendungen sind:
- unterschiedliche Abmessungen und Baugrößen,
- alternative Features oder Feature-Unterdrückungen,
- verschiedene Komponenten innerhalb einer Baugruppe,
- Material- und Ausstattungsvarianten,
- alternative Baugruppenstrukturen.
Das funktioniert besonders gut, wenn die Varianten geometrisch und funktional eng miteinander verwandt sind. Die Herausforderung beginnt, sobald immer mehr Parameter und Abhängigkeiten hinzukommen. Dann reicht es nicht mehr, lediglich Konfigurationen anzulegen. Die Modellstruktur selbst muss variantenfähig aufgebaut sein.
2. Design Tables: Varianten tabellarisch steuern
Bei größeren Produktfamilien können Design Tables eine sinnvolle nächste Stufe darstellen. Statt jede Variante einzeln zu bearbeiten, werden relevante Parameter in einer Tabelle organisiert.
Typische steuerbare Größen sind beispielsweise Länge, Breite, Durchmesser, Bohrungsabstände, Feature-Zustände oder die Auswahl einzelner Komponenten in einer Baugruppe.
Beispiel ProduktfamilieGrundgrößen S / M / L / XL kombiniert mit Anschlussvarianten A / B / C. Statt zwölf unabhängiger Modelle entsteht eine definierte Parametermatrix.
Der Vorteil liegt nicht nur in schnellerer Modellierung. Die Produktfamilie wird nachvollziehbarer: Es ist klarer, welche Parameter eine Variante definieren und welche Geometrie bewusst identisch bleibt.
3. Gleichungen und globale Variablen: Beziehungen statt Einzelmaße
Ein häufig unterschätzter Punkt ist, dass nicht jedes Maß unabhängig verändert werden sollte. Viele Abmessungen sind funktional voneinander abhängig.
Beispielsweise:
- Gehäuselänge = Einbaulänge + 2 × Wandabstand
- Bohrungsposition = Grundlänge / 2
Werden solche Zusammenhänge als Gleichungen und globale Variablen hinterlegt, entsteht aus einer Sammlung einzelner Maße schrittweise ein regelbasiertes Modell. Das ist noch keine vollständige Automatisierung, aber ein wesentlicher Baustein robuster Variantenkonstruktion.
4. Baugruppen: Varianten nicht nur im Einzelteil denken
Viele Probleme entstehen nicht im einzelnen Bauteil, sondern in der gesamten Baugruppe. Wenn sich beispielsweise eine Gehäusebreite ändert, können gleichzeitig Blechbauteile, Wellen, Verbindungselemente, Dichtungen, Kabel, Halter, Abdeckungen, Zeichnungen und Stücklisten betroffen sein.
Eine robuste Variantenstrategie muss deshalb die Baugruppe als System betrachten. Referenzen sollten so gewählt werden, dass Änderungen nicht bei jeder Variante zu Reparaturarbeit führen. Ebenen, Achsen, definierte Schnittstellen und bewusst aufgebaute Bezugsketten sind in solchen Modellen oft wichtiger als schnelle lokale Modellierung.
5. DriveWorksXpress: wenn Varianten regelbasiert erzeugt werden sollen
Wenn kundenspezifische Varianten wiederholt nach denselben Regeln entstehen, kann eine stärkere Automatisierung sinnvoll werden. Regeln könnten beispielsweise lauten:
- Wenn Breite > 800 mm → zusätzliche Verstärkung verwenden.
- Wenn Option B gewählt wird → Motor 2 + Halter 2 + Zeichnung B verwenden.
Werkzeuge wie DriveWorksXpress zielen darauf, wiederkehrende Konstruktionsaufgaben regelbasiert abzubilden und aus definierten Eingaben neue Varianten abzuleiten. Interessant wird das vor allem dann, wenn nicht nur Maße verändert, sondern komplette Kombinationen aus Bauteilen, Baugruppen und Zeichnungen erzeugt werden müssen.
6. Welche Ebene der Variantenlogik braucht das Produkt?
In der Praxis ist selten ein einzelnes Werkzeug die Lösung. Sinnvoller ist es, die notwendige Ebene der Variantenlogik zu bestimmen.
Wenige einfache VariantenKonfigurationen
Viele parametrische GrößenvariantenKonfigurationen + Design Tables
Starke geometrische AbhängigkeitenGlobale Variablen + Gleichungen + robuste Referenzstrategie
Komplexe kundenspezifische VariantenRegelwerk + DriveWorksXpress bzw. weitergehende Automatisierung
Und manchmal ist die wichtigste Maßnahme gar kein weiteres CAD-Werkzeug, sondern zuerst eine saubere Produktstruktur.
7. Nicht die bestehende Komplexität automatisieren
Ein häufiger Fehler besteht darin, eine historisch gewachsene Variantenlandschaft direkt automatisieren zu wollen. Dann wird nicht automatisch der Prozess besser. Im ungünstigsten Fall wird lediglich die bestehende Komplexität schneller reproduziert.
Vor einer Variantenautomatisierung sollten deshalb einige Fragen beantwortet werden:
- Welche Merkmale variieren tatsächlich?
- Welche Varianten sind technisch oder kommerziell notwendig?
- Welche Parameter hängen voneinander ab?
- Welche Komponenten bleiben unverändert?
- Welche Schnittstellen müssen stabil bleiben?
- Welche Regeln entscheiden über Komponenten oder Geometrien?
- Welche Zeichnungen und Stücklisten ändern sich?
- Welche Daten müssen später an PDM oder ERP übergeben werden?
Erst daraus entsteht eine belastbare Variantenstrategie.
8. Beispiel: aus 30 Einzelkonstruktionen wird eine Produktlogik
Nehmen wir eine Baugruppe, die in unterschiedlichen Breiten, Höhen und Anschlussvarianten angeboten wird. Bisher existieren dafür beispielsweise 30 einzelne Modelle und jede Kundenänderung wird manuell kopiert.
Ein besserer Ansatz könnte sein:
- 3 Grundkonfigurationen,
- 5 zentrale Parameter,
- 10 definierte Konstruktionsregeln,
- eine strukturierte Zeichnungsableitung.
Dann wird aus 30 Einzelkonstruktionen ein steuerbares System. Der größte Gewinn entsteht dabei nicht bei der ersten Variante, sondern bei der zehnten, fünfzigsten und hundertsten Änderung.
Variantenkonstruktion ist deshalb mehr als CAD
SolidWorks bietet gute Werkzeuge für Varianten. Konfigurationen, Tabellen und Automatisierung funktionieren aber nur dann zuverlässig, wenn die technische Struktur dahinter verstanden wurde.
Eine effiziente Variantenkonstruktion verbindet deshalb Produktstruktur + Parametrik + Konstruktionsregeln + CAD + Dokumentation.
Genau hier kann externe Engineering-Unterstützung sinnvoll sein: nicht nur um weitere Varianten zu modellieren, sondern um gemeinsam zu prüfen, welche Varianten tatsächlich benötigt werden und wie Modelle so aufgebaut werden können, dass sie langfristig beherrschbar bleiben.
BOLTCAD AnsatzBestehende Produktfamilie analysieren → Variantenmerkmale strukturieren → Modell- und Baugruppenlogik prüfen → Parametrik und Regeln definieren → Automatisierung nur dort einsetzen, wo sie einen messbaren Nutzen bringt.