Viele Unternehmen kennen das gleiche Muster: Ein Produkt funktioniert, die Konstruktion ist grundsätzlich sauber – aber jede neue Kundenvariante löst wieder ähnliche Arbeitsschritte aus. Maße ändern, Komponenten austauschen, Zeichnungen aktualisieren, Eigenschaften pflegen, Stücklisten kontrollieren und anschließend prüfen, ob alle Abhängigkeiten noch stimmen.

Genau hier kann CAD-Automatisierung interessant werden. Aber nicht jede wiederkehrende Änderung rechtfertigt sofort ein komplexes Automatisierungsprojekt.

Gute CAD-Automatisierung beginnt nicht mit Software. Sie beginnt mit der Frage: Welche technische Entscheidung wiederholt sich – und lässt sie sich eindeutig als Regel formulieren?

1. Die erste Automatisierungsstufe: Gleichungen und globale Variablen

Schon innerhalb eines einzelnen SolidWorks-Modells lassen sich viele Abhängigkeiten über Gleichungen und globale Variablen abbilden. Statt Maße unabhängig voneinander zu pflegen, werden Beziehungen definiert.

Ein einfaches Beispiel:

Gehäuselänge = Einbaulänge + 2 × RandabstandBohrungsposition = Gehäuselänge / 2Ändert sich die zentrale Einbaulänge, folgen abhängige Maße automatisch.

Der Vorteil ist nicht nur Geschwindigkeit. Noch wichtiger ist die Konsistenz: Konstrukteure müssen nicht bei jeder Variante daran denken, mehrere voneinander abhängige Maße einzeln anzupassen.

2. Globale Variablen als technische Sprache des Modells

Globale Variablen werden besonders wertvoll, wenn zentrale Produktparameter nicht nur Zahlen sind, sondern eine technische Bedeutung tragen.

Statt an mehreren Stellen anonyme Maße zu verändern, können beispielsweise Parameter wie diese verwendet werden:

  • Produktbreite,
  • Einbauhöhe,
  • Wandstärke_Gehäuse,
  • Abstand_Montagepunkte,
  • Motorleistung.

Damit wird das Modell verständlicher. Gleichzeitig entsteht eine bessere Grundlage für Konfigurationen, Tabellen oder spätere Automatisierung.

3. Wann reichen Parametrik und Konfigurationen aus?

Nicht jede Produktfamilie benötigt DriveWorks oder eigene Makros. Wenn eine überschaubare Zahl definierter Varianten existiert, können parametrische Modelle plus Konfigurationen bereits sehr effizient sein.

Typischer FallEine Baugruppe wird in fünf Breiten und zwei Antriebsgrößen angeboten. Alle Kombinationen sind bekannt und technisch freigegeben. Hier kann eine robuste Konfigurations- und Parameterstruktur ausreichend sein.

Die Automatisierung besteht dann nicht darin, neue Varianten frei zu erzeugen, sondern vorhandene Varianten so aufzubauen, dass sie mit möglichst wenig manueller Nacharbeit gepflegt werden können.

4. Der nächste Schritt: technische Regeln explizit machen

Komplexer wird es, wenn Varianten nicht nur durch Maße bestimmt werden, sondern durch Entscheidungen.

Zum Beispiel:

Wenn Breite > 800 mm → zusätzliche Verstärkung aktivierenWenn Motor = „M2“ → Halter M2 + Abdeckung M2 verwendenWenn Option „Außenbereich“ = JA → Materialgruppe B + Dichtung C

Solche Regeln existieren in vielen Unternehmen bereits – aber oft nur in Köpfen, Excel-Listen, alten Projekten oder Arbeitsanweisungen. Für eine belastbare Automatisierung müssen sie eindeutig, widerspruchsfrei und technisch nachvollziehbar formuliert werden.

5. Wann wird DriveWorksXpress interessant?

DriveWorksXpress ist in SolidWorks als Werkzeug für Design Automation vorgesehen. Es kann auf Basis erfasster Modelle und definierter Regeln neue Varianten erzeugen und dabei wiederkehrende Konstruktionsaufgaben automatisieren.

Interessant wird dieser Ansatz insbesondere, wenn:

  • regelmäßig kundenspezifische Abmessungen entstehen,
  • dieselben Modelländerungen immer wieder ausgeführt werden,
  • Komponenten abhängig von Eingabewerten gewählt werden,
  • neue Dateien statt nur bestehender Konfigurationen benötigt werden,
  • Zeichnungen wiederkehrend aus Varianten abgeleitet werden müssen.

SolidWorks unterscheidet damit grundsätzlich zwischen dem Verwalten vorhandener Varianten über Konfigurationen und Design Tables und einer weitergehenden regelbasierten Design Automation.

6. Vier Stufen statt „automatisieren oder nicht“

In der Praxis ist eine stufenweise Betrachtung sinnvoller als die Ja/Nein-Frage „Brauchen wir Automatisierung?“.

Stufe 1 – ParametrikAbhängige Maße, Gleichungen und globale Variablen sauber strukturieren.
Stufe 2 – VariantenKonfigurationen und ggf. Design Tables für freigegebene Produktvarianten einsetzen.
Stufe 3 – RegelnTechnische Entscheidungen, zulässige Kombinationen und Komponentenwahl explizit definieren.
Stufe 4 – GenerierungWiederkehrende Varianten, Modelle und Dokumente regelbasiert erzeugen.

Viele Unternehmen erzielen bereits zwischen Stufe 1 und 2 große Verbesserungen. Vollständige Automatisierung ist nur dann sinnvoll, wenn die Wiederholhäufigkeit und der regelbare Anteil der Aufgabe hoch genug sind.

7. Wann lohnt sich Automatisierung wirtschaftlich?

Ein automatisiertes System verursacht zunächst Aufwand: Produktlogik analysieren, Modelle bereinigen, Regeln definieren, testen und dokumentieren.

Die Wirtschaftlichkeit hängt deshalb vor allem von vier Faktoren ab:

  • Häufigkeit: Wie oft wird dieselbe Art von Variante erzeugt?
  • Wiederholanteil: Wie viel der Konstruktion läuft jedes Mal gleich ab?
  • Regelbarkeit: Lassen sich Entscheidungen technisch eindeutig beschreiben?
  • Fehlerkosten: Wie teuer sind vergessene Änderungen, falsche Zeichnungen oder inkonsistente Varianten?
FaustregelJe häufiger eine Aufgabe wiederholt wird und je eindeutiger sie technisch beschrieben werden kann, desto interessanter wird Automatisierung. Ein seltenes Sonderprojekt mit vielen offenen Entwicklungsentscheidungen bleibt dagegen eher klassische Engineering-Arbeit.

8. Was sollte man nicht automatisieren?

Automatisierung ist ungeeignet, wenn die Aufgabe jedes Mal neu verstanden werden muss. Konzeptentscheidungen, Zielkonflikte, ungeklärte Schnittstellen oder stark wechselnde Randbedingungen lassen sich nicht sinnvoll durch ein starres Regelwerk ersetzen.

Auch schlechte Modelle sollten nicht einfach automatisiert werden. Sonst entsteht lediglich ein schnellerer Weg zu instabilen Varianten.

Vor einer Automatisierung sollte deshalb geprüft werden:

  • Ist die Produktarchitektur stabil?
  • Sind Variantentreiber eindeutig definiert?
  • Sind Referenzen robust aufgebaut?
  • Sind Regeln und Ausnahmen dokumentiert?
  • Sind Zeichnungs- und Stücklistenlogik berücksichtigt?

9. Beispiel: kundenspezifische Maschinenbau-Baugruppe

Angenommen, eine Baugruppe wird für jeden Auftrag in Breite und Höhe angepasst. Ab bestimmten Größen werden zusätzliche Verstärkungen benötigt; die Motorgröße hängt von der Baugröße ab und verschiedene Anschlussoptionen bestimmen weitere Komponenten.

Manuell bedeutet jeder Auftrag:

  • Grundmodell kopieren,
  • mehrere Maße ändern,
  • Komponenten austauschen,
  • Verstärkungen ergänzen,
  • Zeichnungen aktualisieren,
  • Artikel- und Auftragsdaten kontrollieren.

Ein regelbasierter Ansatz könnte dagegen Eingabewerte übernehmen und daraus die zulässige Geometrie, benötigte Komponenten und Dokumente ableiten. Der Konstrukteur wird dadurch nicht überflüssig – seine Zeit verschiebt sich von Wiederholarbeit zu technischen Sonderfällen, Prüfung und Weiterentwicklung.

10. Der wichtigste Schritt kommt vor DriveWorksXpress

Der größte Denkaufwand liegt häufig nicht in der Softwareeinrichtung, sondern davor: Die Produktfamilie muss in Parameter, Regeln, Abhängigkeiten und Ausnahmen zerlegt werden.

Genau deshalb betrachten wir Variantenautomatisierung nicht als reines CAD-Thema.

Erst wenn die Produktlogik klar ist, sollte entschieden werden, ob Gleichungen, Konfigurationen, Design Tables, DriveWorksXpress oder eine andere Automatisierungsebene die beste Lösung ist.

Unser Fazit

SolidWorks bietet einen sinnvollen Weg von einfacher Parametrik bis zu regelbasierter Automatisierung. Der Einstieg muss nicht groß sein.

Oft beginnt eine gute Lösung damit, zentrale Parameter sauber zu benennen, Abhängigkeiten über Gleichungen abzubilden und Varianten kontrolliert über Konfigurationen zu strukturieren.

Wenn sich danach zeigt, dass viele kundenspezifische Varianten nach wiederkehrenden Regeln entstehen, kann DriveWorksXpress oder eine weitergehende Automatisierung wirtschaftlich interessant werden.

BOLTCAD AnsatzWir würden nicht zuerst fragen: „Was können wir automatisieren?“ Sondern: „Wo entsteht heute wiederkehrender Konstruktionsaufwand – und welche technische Logik steckt dahinter?“ Daraus lässt sich die passende Automatisierungsstufe ableiten.
Technischer Bezug: Die beschriebenen Funktionen orientieren sich an der offiziellen SOLIDWORKS Design Help 2026 und der SOLIDWORKS-Dokumentation zu Gleichungen, globalen Variablen und Design Automation / DriveWorksXpress. Weiterführend: SOLIDWORKS Web Help.