Variantenkonstruktion kostet selten deshalb viel Zeit, weil SolidWorks zu langsam ist. Der Aufwand entsteht häufig dadurch, wie Produktfamilien, Baugruppen, Abhängigkeiten und Änderungen strukturiert wurden.
Ein Quick Check muss deshalb nicht mit einer großen CAD-Automatisierung beginnen. Oft reichen einige gezielte Fragen, um zu erkennen, warum Konstrukteure dieselben Tätigkeiten immer wieder manuell ausführen.
Die wichtigste Frage lautet nicht: „Wie können wir mehr automatisieren?“ Sondern: „Welche Arbeit wiederholt sich heute – und warum?“
1. Werden neue Varianten durch Kopieren bestehender Modelle erzeugt?
Das Kopieren einer funktionierenden Baugruppe ist schnell. Bei wenigen Varianten ist das oft sogar pragmatisch. Problematisch wird es, wenn jede Kopie anschließend ein eigenes Leben entwickelt.
Typische Folgen:
- gleiche Änderungen müssen in mehreren Dateien wiederholt werden,
- Varianten entwickeln sich konstruktiv auseinander,
- Fehlerkorrekturen werden nicht überall übernommen,
- Zeichnungen und Stücklisten verlieren ihre Konsistenz.
Wenn ein großer Teil der Varianten geometrisch ähnlich ist, lohnt sich die Frage, ob Konfigurationen, Parametrik oder eine klarere Produktfamilienlogik sinnvoller wären.
2. Welche Maße ändern sich bei fast jedem Kundenauftrag?
Wiederkehrend geänderte Maße sind ein guter Hinweis auf mögliche Variantentreiber. Typische Beispiele sind Breite, Länge, Höhe, Anschlusspositionen oder bestimmte Abstände.
Wenn dieselben fünf oder zehn Maße ständig manuell geändert werden, sollten sie nicht einfach nur „bekannte Maße“ sein. Sie sollten als zentrale Parameter verstanden und – wenn sinnvoll – über globale Variablen, Gleichungen oder Konfigurationen strukturiert werden.
3. Müssen abhängige Maße jedes Mal manuell nachgezogen werden?
Ein weiteres Warnsignal ist, wenn Konstrukteure nach einer Hauptänderung mehrere abhängige Werte aus Erfahrung korrigieren müssen.
Beispiel:
- Breite ändert sich,
- danach müssen Lochbilder verschoben werden,
- Wellenlängen angepasst werden,
- Verstärkungen verändert werden,
- Abdeckungen und Halter folgen.
Wenn diese Beziehungen technisch eindeutig sind, können sie teilweise über Gleichungen, Regeln oder weitergehende Automatisierung abgebildet werden.
4. Brechen Referenzen bei Varianten oder Änderungen?
Instabile Referenzen gehören zu den teuersten versteckten Zeitfressern. Eine Änderung funktioniert zunächst – danach müssen jedoch Verknüpfungen, Skizzen, Features oder Baugruppenbezüge repariert werden.
Hier hilft keine zusätzliche Automatisierung, solange die Modellstruktur selbst nicht robust ist. Erst wenn Referenzen und Abhängigkeiten stabil sind, sollte über Variantenautomatisierung gesprochen werden.
5. Werden Zeichnungen für jede Variante separat korrigiert?
Viele Unternehmen optimieren zuerst das 3D-Modell. Der Zeitaufwand wandert dann aber in die Zeichnung.
Typische Fragen im Quick Check:
- Welche Ansichten verändern sich wirklich?
- Welche Maße sind variantenabhängig?
- Welche Texte und Tabellen werden manuell angepasst?
- Welche Zeichnungen könnten aus einer standardisierten Struktur entstehen?
Eine Variantenstrategie ist erst dann wirklich effizient, wenn 3D-Modell, Zeichnung und Stückliste zusammen betrachtet werden.
6. Gibt es Regeln, die nur „im Kopf“ erfahrener Konstrukteure existieren?
Sehr wertvolles Wissen steckt oft nicht im CAD-Modell, sondern in Erfahrung:
- „Ab dieser Breite brauchen wir eine zusätzliche Verstärkung.“
- „Bei Motor B muss Halter C verwendet werden.“
- „Diese Kombination darf konstruktiv nicht gewählt werden.“
Solche Regeln sind ein möglicher Ausgangspunkt für regelbasierte Variantenkonstruktion. Vor der Automatisierung müssen sie jedoch zuerst sichtbar und eindeutig gemacht werden.
7. Wie oft wird dieselbe Änderung pro Monat durchgeführt?
Automatisierung lohnt sich nicht allein deshalb, weil etwas technisch automatisierbar ist. Entscheidend ist die Wiederholung.
SeltenEinzelne Sonderkonstruktionen: klassische Engineering-Arbeit bleibt meist wirtschaftlicher.
RegelmäßigWiederkehrende Varianten: Parametrik, Konfigurationen und Standards prüfen.
Sehr häufigViele ähnliche Aufträge: regelbasierte Automatisierung kann großen Hebel bieten.
8. Wie viel Zeit fließt in Kontrolle statt in Konstruktion?
Wenn nach jeder Variante lange geprüft werden muss, ob alle abhängigen Bauteile, Zeichnungen oder Stücklisten angepasst wurden, ist das ein Hinweis auf fehlende Durchgängigkeit.
Der Aufwand entsteht dann nicht nur beim Modellieren, sondern beim Absichern gegen vergessene Änderungen.
9. Gibt es Varianten, die eigentlich nicht mehr benötigt werden?
Ein wichtiger Punkt wird oft übersehen: Nicht jede historische Variante muss erhalten bleiben.
Bevor eine Produktfamilie automatisiert wird, lohnt sich deshalb eine Bereinigung:
- Welche Varianten werden tatsächlich verkauft?
- Welche unterscheiden sich nur historisch?
- Welche könnten technisch zusammengeführt werden?
- Welche Sonderlösungen verursachen unverhältnismäßig viel Aufwand?
WichtigEine komplizierte Variantenlandschaft zu automatisieren kann bedeuten, bestehende Komplexität nur schneller zu reproduzieren. Vereinfachung sollte vor Automatisierung geprüft werden.
10. Ist klar, welche Automatisierungsstufe überhaupt gebraucht wird?
Nicht jedes Problem braucht DriveWorksXpress. Nicht jede Variantenfamilie braucht Design Tables. Und nicht jede Abhängigkeit sollte über Gleichungen gelöst werden.
Ein sinnvoller Quick Check ordnet die Situation zunächst ein:
01
ProduktstrukturWelche Varianten gibt es und wodurch unterscheiden sie sich?
02
VariantentreiberWelche Parameter, Optionen und Regeln steuern die Produktfamilie?
03
CAD-StabilitätWie robust sind Modellaufbau, Referenzen und Baugruppenabhängigkeiten?
04
DokumentationWie entstehen Zeichnungen, Stücklisten und Varianteninformationen?
05
WiederholarbeitWelche Schritte werden regelmäßig identisch oder sehr ähnlich ausgeführt?
06
PotenzialWelche Maßnahmen versprechen den größten Nutzen bei vertretbarem Aufwand?
Was könnte ein SolidWorks Quick Check liefern?
Ein kompakter technischer Review einer bestehenden Produktfamilie oder Baugruppe muss nicht sofort in einem großen Automatisierungsprojekt enden.
Ein sinnvolles Ergebnis kann zunächst aus vier Punkten bestehen:
- sichtbare Zeitfresser in Modell, Baugruppe, Zeichnung und Änderungsprozess,
- kritische strukturelle Schwachstellen wie instabile Referenzen oder unnötige Kopien,
- mögliche Automatisierungshebel von Parametrik bis Regelwerk,
- Prioritäten: Was sollte zuerst verbessert werden – und was lohnt sich aktuell nicht?
Das Ziel eines Quick Checks ist nicht, möglichst viele Funktionen von SolidWorks einzusetzen. Das Ziel ist, weniger Zeit für wiederkehrende Arbeit zu verlieren.
Unser Fazit
Bei Variantenprojekten liegt der größte Hebel oft nicht in einer einzelnen Softwarefunktion. Er liegt in der Kombination aus Produktarchitektur, robustem CAD-Modell, klaren Variantentreibern und einer passenden Automatisierungsstufe.
Wer zuerst sichtbar macht, wo heute Zeit verloren geht, kann danach wesentlich gezielter entscheiden, ob Konfigurationen, Design Tables, Gleichungen, DriveWorksXpress oder eine organisatorische Bereinigung den größeren Nutzen bringen.